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Annette, ein Heldinnenepos

Lieber Deutscher Buchpreis, ich muss mich bei Dir bedanken. Ohne die Shortlist und die Auszeichnung als bestes deutsches Buch des Jahres hätte ich “Annette, ein Heldinnenepos” von Anne Weber nie entdeckt. Und ein wahre Entdeckung, das ist sie, Anne Beaumanoir, genannt Annette.

von Emilia von Senger, she/her, 29.11.2020

Annette wächst, da ist das zwanzigste Jahrhundert noch jung, in der Bretagne in bescheidenen Verhältnissen auf. Ihre Eltern sind sozialistisch eingestellt, ihr starker Sinn für Gerechtigkeit wird ihr schon früh mitgegeben. Doch, so betont es Anne Weber: 
„Wenn es so wäre, dass die Bedingungen allein die
Zukunft vorgeben, wären wir jegliche Verantwortung, 
jedes Gefühl für Schuld, jedes Gewissen los. So
einfach ist es aber nicht. Die Hauptsache
kommt immer noch; sie bleibt zu tun.“ 

Und Anne Beaumanoir tut sie. Während des zweiten Weltkriegs schließt sie sich als junge Studentin der Medizin der kommunistischen Résistance an, erledigt Botengänge und andere kleine Aufgaben. Als sie von einer drohenden Razzia in einem jüdischen Versteck hört, zögert sie keine Sekunde und rettet drei jüdische Kinder vor der Deportation. Für die Abstimmung mit der Partei bleibt keine Zeit, das gefällt den Kommunisten nicht, gefährdet es doch potentiell die ganze Bewegung. Sie wird verstoßen aber gibt nicht auf; fortan arbeitet sie für die Gaullisten. 

Nach dem Krieg scheint sie den bürgerlichen Weg einzuschlagen, sie heiratet, wird Ärztin und bekommt zwei Kinder. Das täuscht, als der algerische Kampf für Unabhängigkeit immer stärker wird, erwacht auch ihre widerständische Seele wieder. Sie macht Botengänge und Fahrdienste für den FLN – den Front de Libération Nationale. Doch, sie ahnt es, es gibt einen Spitzel in ihren Reihen. Sie wird verraten, vom französischen Staat festgenommen und zu zehn Jahren Haft verurteilt. Vor der endgültigen Haftstrafe kann sie nach Tunesien flüchten, wo die algerische Bewegung ihren Hauptsitz hat. Von dort arbeitet sie, von ihren Kindern getrennt, weiter für „la cause“. Als die Unabhängigkeit erreicht ist, geht sie nach Algerien und baut dort das algerische Gesundheitssystem mit auf. Wenig später folgt ein weiterer Umbruch, der Führer der Grenzarmee Boumedienne putscht, sie fällt in Ungnade und muss wieder flüchten. 

Klingt unwirklich? Ist es aber nicht, Annette Beaumanoir lebt immer noch und was Anne Weber in Versen erzählt ist nicht weniger und nicht mehr als ihre Lebens- bzw. Heldinnengeschichte. Anne Weber hat dafür eine wundervolle und unglaublich soghafte Form gefunden: das Epos. Die Verse erlauben ihr Einschübe, zeithistorische Verortungen, Ausblicke auf heute und ja, auch Bewertungen der Handlungen Annettes. Sie zeichnet eine Heldin, die sowohl von Gerechtigkeit als auch Abenteuerlust getrieben wird, die zweifelt, große Verluste erleidet und nicht immer auf der, wie sagt man, richtigen Seite der Geschichte steht. Annette Beaumanoir ist Heldin und zutiefst menschlich.

Heute lebt sie mit 96 Jahren in Dieulefit, einem kleinen Ort im Süden Frankreichs. Ihr Rücken ist ein wenig krumm, ob der schweren Last ihres Lebens. Anne Weber schreibt: 

„Krumm nur ein bisschen und auch nur 
von außen; im Innern ist sie gerade. So
gerade wie ein Mensch in dieser Welt nur
sein und leben kann.“