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Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht

Andrea Petković hat mit Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht ein sehr lesenswertes Buch vorgelegt, das mich auch sprachlich begeistert hat. Eine große Leseempfehlung, nicht nur für Tennis-Fans!
von Linus Giese, he/him, 07.12.2020

"Geschichtenerzählen war immer Teil unserer Familie und unserer Identität. Wenn meine Mutter meinen Vater abends beim Essen nach seinem Tag fragte, hörte sich jeder einzelne an wie ein Abenteuer."

Als ich das Buch von Andrea Petković zum ersten Mal in der Hand hatte, war ich mir im ersten Moment unsicher, ob ich wirklich ein Buch über Tennis lesen möchte. Aber dann hat mich der poetische Titel davon überzeugt, es doch zu versuchen – und das habe ich nicht bereut!

Andrea Petković hat ein Buch geschrieben, das aus insgesamt 18 Erzählungen besteht. In den Erzählungen geht es natürlich um Tennis: sie schreibt über ihre größten Siege und schmerzhaftesten Niederlagen, erzählt von langwierigen Verletzungen und kraftraubenden Rehas und erklärt den Leser*innen die wichtigsten Tennisturniere oder was es bedeutet einen Tennisball im Steigen zu nehmen. Sie schreibt auch sehr eindrücklich über den Ehrgeiz und Durchhaltewillen, den es braucht, um eine Profisportlerin zu werden. Sie ist mit einem Vater aufgewachsen, der gleichzeitig ihr Trainer gewesen ist – dem Wunsch, professionell Tennis spielen zu können, hat sie vieles geopfert. Das ungewöhnliche an dem Buch von Andrea Petković ist, dass es oft um deutlich mehr als nur um Tennis geht: es geht ihr nicht darum, lückenlos von ihrer Karriere zu erzählen, stattdessen nimmt sie das Tennis oft als Aufhänger dafür, sich mit den großen Themen des Lebens zu beschäftigen.

"Alles, was ich über das Leben weiß, ist, dass es wie der Ozean ist. Man sieht nur die Oberfläche und versteht es nicht. Und wenn die Wellen kommen, sollte man sein Surfbrett dabeihaben (und surfen können). Die Kunst dabei ist, es immer wieder auf Neue zu versuchen: trunken hinten rauszukommen aus den Wellen, mit abstehenden Haaren und irrem Blick – und beim nächsten Mal wieder erhobenen Hauptes hineinzurennen."

Es geht in den Erzählungen von Andrea Petković um die Frage, was Glück und was Unglück ist, um familiären Zusammenhalt, Freundschaften, die Liebe und das Spannungsfeld von Heimat und Herkunft. Viel Raum nimmt auch die Literatur ein. Andrea Petković ist eine begeisterte Leserin, herzlich lachen musste ich über den Abschnitt, in dem sie davon erzählt, wie sie nach Frankfurt gefahren ist, um dort eine Lesung von Jonathan Franzen zu besuchen. Er ist einer ihrer Lieblingsautoren, genauso wie David Foster Wallace und Philip Roth. Erst als eine befreundete Feministin sie darauf hinweist, dass sie fast ausschleßlich Bücher von Männern liest, fängt sie damit an, auch Bücher von Frauen zu entdecken. Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht ist auch eine Erzählung ihrer eigenen Leserinnenbiographie und ein Plädoyer für die Kraft, die Literatur besitzen kann.

In dem kurzen Vorwort weist Andrea Petković  darauf hin, dass sie sich hier und da auch künstlerische Freiheiten erlaubt hat – nicht alles in den Erzählungen ist ein Abziehbild ihres echten Lebens. Dennoch scheut sie sich nicht davor, auch so offen wie möglich von den dunklen Momenten zu erzählen.

"Als dann nach einem Match in China die Heulkrämpfe einsetzten, war ich fast froh. Damit konnte ich wenigstens arbeiten. Ich interpretierte sie nicht als Resignation, sondern als Aufbäumen gegen die Leere. Ich begann nachzuforschen, was eigentlich mit mir passierte. Ich schaute Filme, las Coming-of-Age-Bücher, suchte nach Interviews, die von Krisen handelten, von Depressionen, vom Erwachsenwerden. Ich begriff, dass meine Zeit als Tennisspielerin sich langsam dem Ende neigte – und ich nichts anderes kannte außer Ehrgeiz, Willen und Härte."

Am meisten beeindruckt hat mich jedoch, wie viel sprachliche Kraft dieses Debütwerk hat. An vielen Stellen blitzt Humor und Sprachwitz auf, ich habe sehr oft geschmunzelt und manchmal herzhaft gelacht. Viele Stellen haben mich auch sehr nachdenklich gemacht, besonders im Gedächtnis geblieben ist mir ein Abschnitt, in dem Andrea Petković darüber schreibt, wie es ihr damit ging, zum ersten Mal verächtliche YouTube-Kommentare unter einem Match von ihr zu lesen (“Selbstmord am eigenen Selbstbewusstsei”.), Sie findet viele schöne Bilder, viele Sätze und Formulierungen habe ich mir begeistert angestrichen.

Für mich ist Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht eines der Highlights in diesem Leseherbst: Andrea Petković ist ein Buch gelungen, das gleichsam kraftvoll, lebensbejahend und humorvoll ist – ich habe es sehr gerne gelesen und hoffe, dass die Tennisspielerin in Zukunft nicht nur weiter Tennis spielen wird, sondern auch weiter schreiben wird!